Bisphenol A – was soll der Hype?! (Teil 1/2)

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BPA – in unserem Alltag omnipräsent!

Die Franzosen haben’s gemacht. Im Januar. Großes Verbot: Au revoir Dosenmais und Mikrowellengeschirr! Warum? Wegen BPA – Bisphenol A, einer Chemikalie in Lebensmittelverpackungen, die Krebs verursachen soll. Alles nur ein Hype? Oder war da was – immerhin haben die Deutschen vor Kurzem ganz fix den BPA-Grenzwert nach unten geschraubt.

Was ist BPA?

BPA ist eine „Massen“-Chemikalie, die seit den 60er Jahren im Umlauf ist. Es ist eine der am häufigsten verwendeten synthetischen Chemikalien weltweit. In der EU liegt der Verbrauch laut Schätzungen bei über 600.000Tonnen pro Jahr. Vor allem bei der Herstellung des Kunststoffes Polycarbonat und bei Epoxidlacken verwendet man BPA. Polykarbonat ist aus Industriesicht ziemlich attraktiv für Gegenstände, die sehr stabil sein müssen – kurz für „Hartplastik“. Weil die Chemikale so der Renner ist, verdienen deren Hersteller auch ziemlich dick daran. BPA produzieren unter anderem Dow Chemical und Momentive Performance Materials aus den USA, das taiwanesische Unternehmen Nan Ya Plastics oder Bayer. Einen guten Überblick dazu gibt das Umweltbundesamt.

Wo ist überall BPA drin?

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Themopapier – so heißt das BPA-haltige Papier für Kassenzettel oder Zugtickets

BPA ist quasi omnipräsent, hier ein paar Beispiele wo BPA vorkommt: In Konserven- und Getränkedosen, Mehrweg-Plastikgeschirr, Plastikschüsseln, Kochutensilien, mikrowellenfestem Geschirr, Handys, CDs, transparenten Kunststoffteilen an Autos, Sonnenbrillen, Kühlschrankeinsätzen, Motorradhelmen, Zahnversiegelungen und Kunststoff-Füllungen, Farben und Lacken, Innenbeschichtungen von Wasserrohren, Klebstoffen, Kassenbons, Kontoauszügen, Faxen, Fahrkarten und Parkscheinen.

Ja und? Was soll der Hype?

Ist ja eigentlich alles kein Problem – Plastikhersteller haben ein geniales Material mit dem sie ihre Schüsseln, Trekkingflaschen oder Maisdosen stabil hinbekommen. Nur was, wenn Wissenschaftler behaupten, dass BPA bei uns im Körper wie das Hormon Östrogen wirkt? Was, wenn die schlechte Spermienqualität bei Männern mit BPA zusammenhängt? Wenn es Krebs verursacht?

Wenn wir die Industrie fragen, ist das ganze Theater um BPA absolut übertrieben – hier ein Filmchen der BPA Coalition.

Wenn wir jedoch unabhängige Wissenschaftler fragen, sieht das Ganze etwas anders aus. Einer der Gurus auf diesem Gebiet ist Frederick vom Saal, Biologieprofessor an der Uni Missouri in den USA. Er zeigt seit Jahren mit seinen Versuchen auf, dass BPA gefährlich ist. Unter anderem hat er nachgewiesen, dass BPA in Babyflaschen vorkommt – woraufhin die Hersteller von Fläschchen ein Verbot von BPA verordnet bekamen. Was er generell bei seinen Experimenten rausbekommen hat, zeigt er ganz gut in diesem Beitrag von 2009 – inklusive nettem Bildmaterial, was der typische Ami so zum „dinner“ isst…!

Wissenschaftler, Industrie und Behörden widersprechen sich – und nun?

Es ist eigentlich logisch: Je nachdem wen man fragt, bekommt man eine andere Antwort. Fragen wir die Industrie: Antwort – BPA unbedenklich. Fragen wir unabhängige Institute oder Wissenschaftler: Antwort – BPA gefährlich. Doch was ist bei staatlichen deutschen Behörden? Genauer: Dem Bundesinstitut für Risikobewertung und dem Bundesumweltamt?

Sie müssten doch eigentlich objektiv die Fakten auf den Tisch legen und den deutschen Bürgern raten eher vorsichtig als leichtsinnig zu sein, schließlich geht es ja um die Gesundheit!Das Umweltbundesamt stuft BPA immerhin als gefährlich ein – Details gibt’s hier.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hingegen sagt: Alles halb so schlimm, kriegt euch mal wieder ein – in der BFR-Sprache heisst das so: „Bisher sind aber keine gesundheitsschädlichen Wirkungen von Bisphenol A für Menschen eindeutig nachgewiesen worden. Im menschlichen Körper wird die Substanz schnell in ein Stoffwechselprodukt umgewandelt, das selbst keine klassische östrogene Wirkung mehr hat und über die Nieren ausgeschieden wird.“ (Quelle: bfr)

Wer sich das nochmal live und in Farbe reinziehen möchte – hier ein guter Beitrag vom SWR:

Der BPA-Forscher Frederick vom Saal hat sich die Mühe gemacht, über 100 Studien zu vergleichen. Das Ergebnis: Bisphenol A erwies sich immer dann als ungefährlich, wenn die Studien von der Chemieindustrie kamen – Überraschung…! Allerdings: In neun von zehn Studien, die von Unis oder Regierungen in Auftrag gegeben wurden, bestätigte sich der Verdacht: Bisphenol A wirkt ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. (Mehr Infos im Artikel der ZEIT)

BPA ist also schädlich – doch warum hacken alle auf den Dosen rum?

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Tomaten, Erbsen, Karotten – bei erhitzten Dosenwaren geht am meisten BPA in die Lebensmittel über.

Mais, Dosensuppe, Dosentomaten – wer die Dosen mal genau anschaut, sieht, dass manche innen beschichtet sind. Und genau das ist der Knackpunkt, denn in der Beschichtung ist BPA, was in das Lebensmittel übergeht. Diese Beschichtung ist vor allem bei Dosenprodukten zu finden, die vorher erhitzt wurden. Aber auch bei Cola, Bier und Schweppes besteht diese Gefahr, denn die Säure kann BPA aus der Beschichtung freisetzen.

2012 machten schwedische Journalistinnen der Tageszeitung Svenska Dagbladet einen Selbstversuch. Zwei Tage lang aßen sie nur Dosenfraß. Das Ergebnis: Nach 2 Tagen stieg der BPA-Gehalt im Körper um 4.000 Prozent. Für mehr Infos einfach auf diesen Link klicken.

Auch in den USA mussten Studenten eine Woche lang Dosensuppen und Co essen. Was hierbei rauskam – sehr beeindruckend! Schaut mal das Video vom NDR an:

Wie kann ich rausfinden, wo BPA drin ist?

Schon mal was vom Plastikcode gehört? Wir auch nicht ;-). Ok, hier ein kleines Experiment: Nehmt mal eine Plastikschüssel, ein Plastik-Salatsieb oder Mikrowellengeschirr. Dreht es um – kauft euch eine XXL-Lupe und versucht auf der Unterseite ein kleines Dreieck mit einer Ziffer drin zu finden. Diese Ziffer (manchmal auch zwei Buchstaben) ist der geheimnisvolle Plastikcode. BPA gehört zur Kategorie „others“ mit der Ziffer 7.

Der Plastikcode: Er kann, muss aber nicht auf Plastikartikeln stehen. Quelle Focus.de

Polyethylen (PE, Code 2 und 4) und Polypropylen (PP, Code 5) sind OK. Die restlichen Ziffern enthalten zwar kein BPA, aber eventuell andere Weichmacher!

Eine ganz gute Broschüre dazu gibt’s bei Bund und für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V (BUND). Allerdings gibt es auch beim Plastikcode einen Haken, denn dieses kleine Dreick muss der Hersteller nicht auf sein Produkt drucken – er kann!

Wieviel BPA ist gefährlich – wo liegt der Grenzwert?

Bisher lag der Grenzwert in Deutschland bei 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Doch seit 2015 gilt: 4!!! Mikrogramm pro Kilogramm. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat ihn also auf weniger als ein Zehntel heruntergesetzt. Aber trotzdem ist ist BPA laut EFSA absolut nicht gefährlich: „BPA stellt bei der derzeitigen Verbraucherexposition für keine Altersgruppe ein Gesundheitsrisiko dar“. Hier der Link zum genauen Wortlaut!

Welche Länder verbieten BPA für Babyflaschen?

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Ab 2011 BPA-frei – in der EU und damit auch in Deutschland!

Sagen wir mal so: Kanada hat 2008 als erstes Land BPA als gesundheitsgefährdend eingestuft. Die Folge: Kanadische Babys nuckeln seit 2008 an Fläschchen ohne BPA (natürlich nur, wenn die Flaschen nach 2008 gekauft wurden!). Dänische und französische Babys sehen seit 2010 auf ihren Fläschchen den Sticker „BPA frei“. Und dann kam die EU in die Gänge – allerdings nicht, weil sie gemerkt hat, dass Babys noch viel empfindlicher auf BPA reagieren als Erwachsene und dass BPA Krankheiten bei den Kleinen hervorgerufen hat. Nein, denn das ist laut EU noch gar nicht bewiesen (s.o.).

Die EU hat aber dann – man höre und staune – ab 2011 BPA in Babyflaschen auch verboten „aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes“. Und: „Um eine einheitliche Rechtslage in der EU zu schaffen.“ (Quelle:BFR). Sprich: Seit 2011 sind auch in Deutschland BPA-Babyflaschen verboten.

Warum sagen die Franzosen „non“ zu BPA seit 2015?

Als erstes EU Land verbietet Frankreich ab Januar 2015 BPA. Quelle: Nonprofitorganisation Water4Life

Und dann 2015: Frankreich. Striktes BPA-Verbot, nicht nur für Babyflaschen, nein, für alle Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen. Warum? Zugespitzt lautet die Antwort so: Die Franzosen haben einfach mal gerechnet. Frankreich ist Spitzenreiter bei hormonabhängigen Krebsarten wie Brust- oder Prostatakrebs. Das kostet das französische Gesundheitssystem pro Jahr vier Milliarden Euro. (Deutschland im Vergleich sogar fünf Milliarden Euro – Schätzung der NGO HEAL). Wenn durch ein BPA-Verbot die Leute weniger krank werden, spart auch der Staat Kosten für das Gesundheitssystem. Und voilà: Frankreich verbietet Bisphenol A bei Lebensmittelverpackungen ab 2015 – als erstes EU-Land. Mehr Infos dazu u.a. in diesem Beitrag vom Deutschlandfunk.

Was kann ich jetzt tun?

Auf Konserven, Getränkedosen, Mikrowellengeschirr oder Plastiklöffel verzichten. Mehr Tipps und Tricks gibt’s im Teil 2 dieses Artikels – unter anderem geht’s da um Tupperware, Tetra Paks und Trekkingflaschen! Und um andere Weichmacher…Und noch was: Das Thema ist komplex und wir behaupten nicht BPA-Gurus zu sein. Deshalb: Wir freuen uns immer über Tipps und Erfahrungen von Euch – schreibt einfach!

Miriam

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Über ichnehmsohne

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12 Antworten zu Bisphenol A – was soll der Hype?! (Teil 1/2)

  1. Gehirneinschaltenhilft schreibt:

    @ peter parwan
    in dem Link wird auf eine umfassende wiss. Arbeit eingegangen, die die Evidenz des Zusammenhanges zwischen Dosis von BPA und Wirkung auf den Menschen (Evaluations of Exposure-Outcome Relationships) als sehr gering bis gering bezeichnet. Es lohnt sich gerade bei solchen Themen die Originalschriften zu lesen. Man wundert sich dann, wie diese zitiert werden.

  2. Gehirneinschaltenhilft schreibt:

    Was man nicht vergessen darf: Forschungseinrichtungen sind nicht unabhängig. Sie leben von Forschungsgelder, die man nur bekommt, wenn man an für Politiker relevanten Theman arbeitet. Gefahren werden gern hochgespielt, damit es an Mitteln fließt. Forschung ist auch Business!
    Wenn ich alle Lebensrisiken betrachte ist das Risiko vom BPA kommend so klein, dass ich keinen Gedanken daran verschwenden muss. Je besser die Analytik werden wird, um so mehr Stoffe wird man als gefährlich einstufen. Blöd ist, dass wir trotzdem immer älter werden. Wer gegen BPA ist, sollte jedenfalls vorher sicherstellen, dass folgende Sachen schon durchgeführt hat: nicht Rauchen, Alkohol zu sich nehmen, am Strassenverkehr teilnehemen, Übergewicht haben, Sport treiben, in seiner Wohnung auf die Leiter steigen, an Depressionen erkranken usw. Ob BPA überhaupt was macht, hängt davon ab, ob man an die Niedrigdosenthese glaubt (d.h. es gibt keine Schwellwert) oder nicht. Das ist eben nur eine These und nicht erwiesen. Wie war das noch mal mit getosteten Brot und gegrilltem Fleisch? Acrylamid – schon vergessen?

  3. Chris schreibt:

    Hallo,
    mir stellt sich jetzt die Frage: Komplett auf Dosen verzichten oder gibt es auch welche ohne so Zeug drin? Die meisten, die ich habe, sind blank.

    Grüße

    • ichnehmsohne schreibt:

      Hi Chris, die Frage stellen wir uns auch!Mit blank meinst du innen nicht weiß beschichtet, sondern einfach nur Blech? Nach unserer Recherche ist das wohl das kleinere Übel. Unser Vorschlag: Wenn es geht Dosen vermeiden – das meiste gibt’s auch in Gläsern oder Tetra Paks wie Mais, Tomatensauce, Suppe, Kokosmilch etc. Ganz doof ist es eben, wenn vorgekochte Speisen oder Getränke heiß in die Dosen eingefüllt wurden. Dann ist meist die weiße Beschichtung in den Dosen und das ist das gesundheitsschädliche Zeugs! Viele Grüße! Miriam

  4. peter parwan schreibt:

    Gesundheitskosten explodieren wegen Chemie im Alltag | Newsflash http://lohas-scout.de/1BaKvca

  5. Stadtpflanze schreibt:

    … und weil die Industrie nicht blöd ist, verkauft sie Plastikprodukte nicht nur mit dem Hinweis „BPA-frei“ – sondern verwendet stattdessen zum Beispiel Bisphenol-S oder andere Stoffe. 🙂

  6. Toller Post, bin über Marias Seite auf ihne aufmerksam geworden … Bei mir ist ohnehin so gut wie alles Plastik schon aus dem Küchenbereich verschwunden.

    Viele Grüße aus Berlin,
    Anja

  7. Hat dies auf Fundstücke aus dem Internet rebloggt und kommentierte:
    Danke für den ausführlichen und ausgesprochen informativen Beitrag!

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